Bauchgefühl

Das ist ja so ein Modewort. Vor allem: Das Bauchgefühl hat immer Recht! Oder?

Mein Bauchgefühl ist ein Drittel Fressgier, ein Drittel irrationale Angst vor Papierkram. Und ein weiteres Drittel Bauchgefühl ist tatsächlich oft – nicht immer – sinnvolle spontane Ab- oder Zuneigung, die aber von der Ratio (hab ich auch!) überprüft werden sollte. Kann nämlich falsch liegen.

Also: mein Bauchgefühl (warm, angenehm) sagt mir, daß Musik von Mendelssohn-Bartholdy, eine Umarmung von einem Menschen, den ich lieb habe, mein Patenkind und sein Brüderchen, der Anblick eines Eichhörnchens usw. gut ist. Mein Bauchgefühl (krampfig) sagt mir, daß deutsche Bürokratie, Männer mit Glatze und Springerstiefeln, große nicht angeleinte Hunde usw. zu vermeiden sind. Das kann dazu führen, daß ich mich zu viel um Eichhörnchen und zu wenig um Bürokratie kümmere. Oder daß ich einen liebenswürdigen Nachbarn mit einem schrägen Geschmack falsch einschätze. Oder daß ich „Kuchen ist gut“ verwechsele mit „Ich brauche jetzt sofort Kuchen, sonst sterbe ich“.

„Mein Bauchgefühl hat Recht“ ist so sinnvoll wie „Hör auf dein Herz“. Bauch und Herz geben durchaus Signale, aber leider oft genug falsche! Und ohne Hinzuziehung des Verstandes taugen sie nicht allzu viel. Zahlreiche falsche Entscheidungen der wichtigeren Art – Eheschließungen mit Menschen, von denen man besser die Finger gelassen hätte, Käufe von Häusern und Sportwagen, die man sich eigentlich nicht leisten kann, Bauten von Flughäfen, die man nicht richtig geplant hatte usw. – gehen darauf zurück, daß Bauch und Herz für Hirn-äquivalent gehalten wurden.

Leute, bitte: Hört auf Euer Hirn. Sollte das sagen „Ich habe keine Ahnung“, fragt jemanden, dessen Hirn in dieser Sache kompetent ist.

Bauch und Herz sind sehr wichtig. Ihre Warnungen und Bitten soll man hören. Aber man bedenke dabei, daß sie unberechtigt, ungerecht sein können. Klar, im Notfall, wenn man z.B. einem aggressiven Bewaffneten gegenübersteht und Bauch und Herz schreien unisono „Nichts wie weg!“ – dann rennt. Aber meistens sagen sie ja alles Mögliche, wenn man zum Nachdenken noch Zeit hat. Dann sollte man das tun.

Hört auf Euer Hirn!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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