Hörnchen für Schiller

Vor 261 Jahren wurde Friedrich Schiller geboren. Seine Ballade über das charakterlose Edelfräulein Kunigunde und den tapferen Ritter Delorges hat mich schon in Kindertagen begeistert. Nun habe ich mir erlaubt, den königlichen Löwengarten mit einer anderen Art wilder Tiere zu füllen.

Der Handschuh

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,

GE DIGITAL CAMERA
GE DIGITAL CAMERA

Und um ihn die Großen der Krone,

nebelkrhen_1659422865_o

Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,

GE DIGITAL CAMERA

Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.


GE DIGITAL CAMERA

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,

hoernchensneugier1
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
GE DIGITAL CAMERA

Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;

hoernchensneugier7

Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

GE DIGITAL CAMERA

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,


GE DIGITAL CAMERA

Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
eichhrnchen_26132165033_o

Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird’s still,

hoernchen6

Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern die gräulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu’n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottenderweis
Wendet sich Fräulein Kunigund:
»Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.«

Und der Ritter in schnellem Lauf

Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,

IMG_0483

Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.


Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.


Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,

Und verlässt sie zur selben Stunde.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter LITERATUR, WELTLICHES abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Hörnchen für Schiller

  1. Hans-Jürgen Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    schöne, zahme, dazu vegetarische Löwen haben Sie, und die Idee, Schillers Gedicht mit Tierfotos zu verzieren (Auswahl und Gestik passend zum Text), gefällt mir sehr.

    Viele Grüße,
    Hans-Jürgen Caspar

Kommentare sind geschlossen.