So alt wie die Mauer

Ich mag keine Menschenmassen.
Und keine sehr lauten Feiern.
Deshalb habe ich heute nicht irgendwo gefeiert – halt, doch: In der Kirche. Morgens früh und dann bei der Vorabendmesse, als Lektorin. Das schönste Fest der Welt! Aber da ging es nicht um den Mauerfall.

Also, speziell den Mauerfall habe ich nicht gefeiert, aus angegebenen Gründen. Aber – ich bin dankbar dafür. Ich bin einfach froh, daß es dies Monster von Trennwand nicht mehr gibt. Daß ich Freunde habe, die in der DDR aufgewachsen sind, und daß ich nach Potsdam fahren kann, ohne ein Visum zu beantragen. Daß der Mauerfall ohne Gewalt vonstatten ging. Daß trotz aller immer noch deutlichen Unterschiede und mancher Animositäten die Mauer Geschichte ist.

Ich bin im Februar 1962 geboren. Die Mauer war vor wenigen Monaten fertiggeworden.

Natürlich bin ich als „Wessi“ nie so davon betroffen gewesen wie die DDR-Bürger. Ich habe den oft gehörten Spruch „West-Berlin sei ja ein riesiges Gefängnis wegen der Mauer“ immer dumm gefunden. Als Kind habe ich Radtouren durch Westberlin gemacht, und wenn man von Berlin-Wannsee nach Lübars fährt und wieder zurück, dann fühlt man sich nicht gefangen. Es war seltsam, ein Visum zu brauchen, wenn man in die Nähe von West-Berlin wollte, und ein Transitvisum, wenn man weiter weg wollte. In die Nähe fahren musste man rechtzeitig beantragen, weiter weg fahren konnte man sofort. Und es war bizarr, im Wald plötzlich an einen Zaun zu kommen, hinter dem der Wald weiterging, aber zur DDR gehörte. (Ich bin da manchmal drübergeklettert. Es gab dort Parasole und Steinpilze. Und Rehe. Und Grenzsoldaten kümmerten sich um diese von Westberliner Seite aus ersten paar hundert Meter nicht.)

Beängstigend fand ich vieles, was mit der Teilung Deutschlands zu tun hatte. Man hörte in Wannsee manchmal nächtliches Geballer vom amerikanischen Truppenübungsplatz, das war unangenehm und einst ein großer Schock für eine alte Dame, die bei uns zu Besuch war und immer noch Angstträume vom Krieg hatte. Manchmal hörte man von etwas weiter weg einzelne Schüsse von Grenzsoldaten. Dann guckte man morgens in die Zeitung und atmete auf, wenn nichts über einen erschossenen Flüchtling dastand.
Zu Silvester ging ich mit meinen Eltern oft in den Düppeler Forst und an den Großen Wannsee. Da spiegelte sich das Feuerwerk der Villenbesitzer im Wasser, und weit weit dahinter sah man Leuchtmunition aufsteigen und langsam niederfallen, und zwar genau um Mitternacht und in einer Menge, die darauf hinwies, daß Grenzer eben auch mal feiern. Das war wie ein friedlicher und fröhlicher Gruß von einer gar nicht friedlichen Seite, als ob schon lange vor dem Mauerfall hier und da ein Grenzsoldat sagen wollte: Eigentlich kann man mit Munition ja auch einfach Silvester feiern.

Ich feiere nicht, aber nun ist mir doch feierlich zumute und gebührend sentimental, und ich denke daran, wie der Potsdamer Kollege meines Vaters plötzlich vor der Tür stand, zu Fuß war er gekommen, und die beiden schon nicht mehr jungen Gelehrten redeten die ganze Nacht über. Und wie der ganze Kurfürstendamm von einer fröhlichen, festlich gestimmten Menschenmenge eingenommen war. Wie traumhaft und froh und spannend die nächsten Tage und Wochen waren.

Vielleicht hätte man vieles besser machen können bei der Wiedervereinigung. Vielleicht hätte man mehr voneinander lernen können. Aber das Wichtige, Große, Wunderbare ist doch: Die Mauer fiel ohne einen Schuß, ohne Blutvergießen, höchstens vielleicht ein eingerissener Fingernagel bei einem der Mauerspechte. Dafür kann man nicht genug danken.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter WELTLICHES abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu So alt wie die Mauer

  1. akinom schreibt:

    Mir fehlt bei aller Berichterstattung über den Mauerfall vor 30 Jahren der Anteil, den Papst Johannes Paul II. an diesem geschichtsträchtigen Ereignis gehabt hat.

    Erlebte Geschichte:

    Ich bin Jahrgang 1945, geboren einen Monat nach Kriegsende. Weil mir das Wort Heimat ein Fremdwort gewesen ist, pflegte ich immer zu sagen: „Ich bin gesamtdeutsch!“ bis ich am Tag als in Rom weißer Rauch aufgestiegen ist vor 6 Jahren in eine geerbte kleine Eigentumswohnung nach Dülmen gezogen bin auf dem Grundstück, wo das großelterliche Haus in Trümmern gefallen ist. Jetzt weiß ich, dass ich bei meinen Wurzeln angekommen bin.

    Gesamtdeutsch? Meine Stationen waren Arnsberg, Köln, Bonn, Würzburg, Berlin, Essen und jetzt Dülmen. In Berlin hatte ich zur 1968 – zur kältesten Zeit des Kalten Krieges – ein Praktikum bei meiner Ausbildung als Bibliothekarin gemacht und mich in eine Lehrer in Ostberlin verliebt. Für mich war es weniger Liebe als vielmehr ein unglaubliches Abenteuer, worüber ich ein Buch schreiben könnte. Nur ein Erlebnis: Illegal – dazu hätte ich der Erlaubnis von Frau Honnecker bedurft – habe ich an einer Polytechischen Oberschule hospitiert. Den Lehrern wurde ich dort als „Kollegin aus Halle, die gerade in Chemie ihren Doktor macht“ vorgestellt. Wenn man mich nur nach dem Thema gefragt hätte, wäre ich wahrscheinlich schon ins Gefängnis gekommen.

    Geschichte habe ich aber auch erlebt, als wir viele Jahre später ein Arztehepaar bei uns in Essen während einer Fortbildungstagung beherbergten, die Hotelkosten in D-Mark nicht hätten bezahlen können. Am Tag, als sie wieder abreisten, gab es keine DDR mehr! Die Freundschaft besteht heute noch!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Herzlichen Dank für diesen Kommentar!
      Ich habe meinen Beitrag gestern abend heruntergeschrieben, einfach weil mich die Gedanken an jenen Tag überwältigten. Es ist ein ganz subjektiver Beitrag und will nichts anderes sein. Aber es stimmt, Vorgeschichte, Gründe und Auslöser sind komplex, beinhalten auch päpstliches Tun und Beten und sollen nicht in Vergessenheit geraten.

  2. akinom schreibt:

    So detailliert hatte ich das nicht in Erinnerung, wie ich es eben bei kath.net. gefunden habe:

    09 November 2019, 11:30
    Zeitzeuge würdigt Anteil des Papstes an friedlicher Wende 1989

    Philosoph und früherer italienischer Europaminister Buttiglione: „Politische Strategie“ von Johannes Paul II. gegenüber dem Kommunismus war Appell an das Gewissen.

    Bonn (kath.net/KAP)
    Der Philosoph und frühere italienische Europaminister Rocco Buttiglione hat den Beitrag von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zur Wende in Osteuropa gewürdigt. Das kommunistische System wäre früher oder später zusammengebrochen, sagte der frühere christdemokratische Politiker der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ in Würzburg. Dass die Umbrüche vor 30 Jahren aber ohne Bürgerkrieg und Blutvergießen friedlich verlaufen seien, daran „hatte die Kirche, aber besonders Johannes Paul II. entscheidenden Anteil“, sagte Buttiglione.

    Die „politische Strategie“ des polnischen Papstes gegenüber dem Kommunismus sei gewesen, an das Gewissen des Menschen zu appellieren, fügte er hinzu. Dieser Weg habe viele Märtyrer das Leben gekostet. Am Ende aber habe der Papst damals einen Kommunisten mit Gewissen gefunden: „Und der hieß Michail Gorbatschow.“ Dass der Staatschef der damaligen UdSSR die Bitte Erich Honeckers 1989 ausgeschlagen habe, die Rote Armee gegen die Proteste in der DDR einzusetzen, „macht ihn zu einem großen Menschen“, sagte Buttiglione.

    Zentrale Themen der Gespräche zwischen Johannes Paul II. und Gorbatschow seien „Wahrheit, Freiheit und Gewissen“ gewesen. Gorbatschow sei zudem für das Christentum empfänglich gewesen, „schließlich war er von seiner Großmutter ja getauft worden“. Nicht überschätzt werden könne auch der Einfluss der Kirche und besonders der Karol Wojtylas auf die Intellektuellen in Polen.

    Als Kardinal von Krakau habe Wojtyla auch großen Anteil an der 1966 von den deutschen und polnischen Bischöfen formulierten wechselseitigen Vergebungsbitte gehabt, erinnerte Buttiglione. Die Furcht vor den Deutschen sei nach dem Zweiten Weltkrieg „eine der Hauptstützen des Kommunismus in Polen“ gewesen. Nach dem Dokument der Bischöfe hätten viele Polen erkannt: „Die Deutschen sind nicht unsere Erbfeinde.“ Ohne diesen von der Kirche vorbereiteten gewandelten Blick der beiden Nachbarn aufeinander hätte es nach Überzeugung des Italieners keine deutsche Wiedervereinigung geben können.

Höfliche Kommentare sind willkommen. Erstkommentierer müssen auf die Freischaltung warten.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s