Ritterlichkeit

Ein Wort, daß ich von frommen katholischen Männern, besonders den eher traditionellen, öfter höre.

Ich will jetzt nicht darüber debattieren, inwieweit das Wort „Ritterlichkeit“ als Chiffre für Edelmut, Großherzigkeit, Anstand, Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwächeren usw. mit dem tatsächlichen Leben eines mittelalterlichen Ritters zu tun hat (da gab es ja auch eine große Spannbreite vom schöngeistigen Jerusalemfahrer bis zum ungebildeten Raubritter). Nehmen wir das Wort also in seiner jetzigen Bedeutung.

Ritterlich wollen sie also sein und propagieren die Tugend der Ritterlichkeit. Nun ist mir (und meinem Beichtvater) natürlich bekannt, wie leicht man hinter seinen eigenen hehren Ansprüchen zurückbleibt. Aber immer wieder der Welt in den Ohren liegen, sie sei das krasse Gegenteil von „ritterlich“ und müsse das ändern, und zugleich über ein junges Mädchen schlimmer herziehen, als eine Horde Marktweiber es könnte, ist noch eine andere Nummer als nur „immer mal wieder im Kampf mit dem Versucher unterliegen“.

Ich rede von Greta Thunberg, der jungen Klimaaktivistin und Schuleschwänzerin. Ich rede nicht davon, ob sie Recht hat oder nicht (auch wenn ich ihr in mancher Hinsicht nur Recht geben kann), und ob ihre Mittel sinnvoll sind oder nicht – ich rede von dem abartig boshaften Gezänk, das ich gerade aus der Feder frommer Glaubensbrüder lese.

Greta Thunberg hat ganz zweifellos Mut. Es gehört Mut dazu, sich als Teenager vor fremde Erwachsene hinzustellen und ihnen zu sagen, warum man ihr Verhalten falsch findet. Es gehört Mut dazu, nicht nur sein Leiden an den „großen“ Mitmenschen, sondern auch an einer psychischen Besonderheit öffentlich zu machen. Ich halte es nicht für klug, daß sie letzteres getan hat – vielmehr für sehr unvorsichtig, und ich hätte ihr gewünscht, daß Erwachsene sie daran gehindert hätten. Denn ich weiß, daß die Welt gemein ist zu psychisch Leidenden, und ich bezweifle, daß sich das vor der Wiederkunft des Messias bessern wird. Ich weiß auch, was alle Welt wissen könnte, wenn sie nur wollte – daß die Diagnose „Asperger“ nicht das Mindeste über die Intelligenz eines Menschen sagt und nur wenig über seine sozialen Kompetenzen. Und ich weiß, daß die meisten Menschen dies eben nicht wissen wollen.

Nun wird in den „sozialen“ Medien auf eine abscheulich unsoziale Weise über Greta Thunberg hergezogen, und es geht dabei gar nicht mehr um ihr Anliegen, sondern nur noch darum, daß sie nicht gefällt. Und wenn man dabei sachlich bliebe! Wenn man sagte: Aus dem und dem Grund finde ich es nicht zielführend, wie diese Klimaaktivistin arbeitet! Aber nein: Als erstes wird über ihre Jugend und ihr Asperger hergezogen, dann über ihre Zöpfe, ihr kindliches Gesicht, ihren Reiseproviant. Und all dies geschieht in meinem Umfeld auch durch gar nicht wenige gebildete katholische Männer, die schon mal „Ritterlichkeit“ öffentlich gut fanden. Das schmerzt mich besonders.

Zur Ritterlichkeit gehört, den Feind (und ja, Greta ist ein Feindbild für jene, die über sie herziehen – sonst zögen sie ja nicht über sie her) zu achten, ihn zu schonen, wo möglich, und sonst mit gerechten Mitteln gegen ihn zu kämpfen. Spott über eine Krankheit sowie ein Kampfmittel, das ich mangels passenderer traditioneller Ausdrücke nur als „Weibergezänk“ bezeichnen kann, gehört nicht zur Ritterlichkeit.

Auch wenn ich Greta Thunbergs Mittel nicht sinnvoll finde, auch wenn ich glaube, daß sie instrumentalisiert wird, bewundere ich ihren Mut und halte ihren Vorwurf für absolut berechtigt, daß systemische Fehler im Umgang mit der Umwelt um des Geldes willen ignoriert werden.

Seid bitte ritterlich. Wenn das nicht geht, seid wenigstens katholisch. Da gibts schon Schnittmengen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Ritterlichkeit

  1. akinom schreibt:

    Ich finde auch, das Greta „gefährlich instrumentalisiert“ wird. Mich schaudert angesichts der Massenproteste à la Hambacher Forst und Schulstreiks. Das kann nicht die richtige Art sein, sich „die Erde untertan“ zu machen!
    Bezüglich „Asperger Syndrom“ habe ich männliche Erfahrungen innerhalb der Familie. Ich sehe es da als eine andere Art zu lieben in Form von Treue, praktischen Hilfsangeboten, Zuverlässigkeit und – wenn man so will – auch Ritterlichkeit. Von Greta Thunbergs Asperger Syndrom wusste ich nichts.

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