„Solche wie dich dürfte es nicht geben“

Es gibt Menschen, die haben diesen Satz schon gehört.
Es gibt auch Menschen, die haben diesen Satz verinnerlicht und halten sich selbst nicht für lebenswert.

Je „normaler“ es wird, Behinderte abzutreiben und Alte zu euthanasieren, desto deutlicher wird dieser Satz gesagt, vielleicht nicht wörtlich, aber durch die Tat, zu Menschen, die mit einer Behinderung oder einem Gebrechen leben.

In Island werden Menschen mit Down-Syndrom fast immer abgetrieben. Auch in Deutschland wird die Abtreibung Behinderter von zahlreichen Menschen als normal oder gar wünschenswert gesehen. Das immer wieder gehörte Argument ist, daß es den Betroffenen Leid erspart. Bei der weit häufigeren Abtreibung gesunder Kinder wird auch so argumentiert, da behauptet wird, ein ungewünschtes Kind hätte wenig Chance, glücklich zu werden.

Sowohl Behinderten als auch Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen – also den meisten Menschen überhaupt – wird damit gesagt: „Es wäre besser, wenn es dich nicht gäbe.“ Und jetzt komme mir keiner damit, daß Behinderte das ja eh nicht verstehen. Erstens ist „behindert“ ein schwammiger Begriff, der alles von einer leichten Beeinträchtigung bis zu ständiger Pflegebedürftigkeit umfasst, zweitens sind gerade Menschen mit Down-Syndrom – um die es bei diesbezüglichen Überlegungen häufig geht – oft äußerst feinfühlig.

Menschen, die gerade nicht so passen oder die mit ihrem Leben große Schwierigkeiten haben, umzubringen, sei es im Mutterleib oder durch Suizidbeihilfe, sendet an andere Menschen mit vergleichbaren Schwierigkeiten ein klares Signal: „Solche wie dich macht man besser weg.“

Die Behauptung, Abtreibung habe mit Frauen- und Menschenrecht zu tun (die in solchen Diskussionen übrigens gern getrennt aufgezählt werden, als seien Frauen irgendwie anders Mensch als Männer), führt dahin, daß das Menschenrecht Behinderter, Kranker, Alter und Armer grundsätzlich in Frage gestellt wird. Und das merken die Betroffenen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu „Solche wie dich dürfte es nicht geben“

  1. name schreibt:

    „Solche wie dich macht man besser weg.“

    Obwohl ich weiß, dass es nicht überzeugt, juckt mich da immer die drastische Art der Replik:

    „Ok, du findest also, dass man Menschen, die letztlich der Gesellschaft zur Last fallen, getötet werden sollen. Ich finde, am meisten fällst du mit deinen absonderlichen Ansichten der Gesellschaft zur Last; sowas wie dich können wir gar nicht gebrauchen; oder hast du irgendwelche Argumente, warum man dich nicht töten sollte? Wir können das ja in Ruhe durchdiskutieren.“

    Eigentlich müsste das Leute zum Nachdenken bringen, wohin es führen könnte, wenn man das Lebensrecht der totalen Abwägung zuführt.

    Dummerweise reagieren aber die meisten beleidigt, wenn man mal in Ruhe das Pro und Contra durchdiskutieren will, ob man sie töten sollte.

    Obwohl es schlüssig ist; wenn man den Behinderten oder den Alten tot sehen will, weil er wem auch immer zu sehr zur Last fällt, müsste man natürlich sofort nachdenken, ob man ggf. selbst irgendwem so sehr zur Last fällt, dass man getötet werden sollte; denn die Regeln, die man anderen auferlegt, sollte man ja möglichst selbst einhalten.

    (Für den Durchschnittsdeutschen mit seinem hohen CO2 Ausstoss ist es im übrigen – wenn man den Klimawandel als sehr gefährlich einstuft – gar nicht so offensichtlich, warum man den am Leben lassen sollte; schließlich führt sein hoher CO2 Ausstoss ja möglichweise zum Tod von mehreren Menschen und wenn man ethisch rein aufs Ergebnis achten würde, wäre der Durchscnittsdeutsche eventuell zu töten – wenn das denn CO2 neutral durchgeführt werden kann)

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das „zur Last fallen“ wird ja in diesem Zusammenhang stets knallhart wirtschaftlich gesehen. Deshalb frage ich solche Leute lieber, ob sie mich (Schriftstellerin, dauerpleite, Epileptiker – das ist teuer!) umbringen wollen. Oder ob sie es bedauerlich finden, daß ich als Kind aus dem Koma erwacht bin – man hätte ja damals abschalten können, das hätte große Kosten erspart.
      Neinneinnein… so war das ja nicht gemeint…
      Und wie war es dann gemeint?
      Öh…
      (Manche werden echt ein bißchen nachdenklich, andere aggressiv. Aber nicht bis zum tätlichen Angriff.)

      • name schreibt:

        Auch guter Ansatz.

        Aber letztlich ist den meisten Menschen einfach egal, ob ihre Position widerspruchsfrei ist.

  2. Supersansa schreibt:

    Eine Frau im Schwangerschaftskonflikt, könnte ich mir vorstellen, wird wohl in der Regel so viel mit sich und ihrer Situation beschäftigt sein, dass sie ein unerwünschtes Kind kaum bekommen würde, damit sich andere, ihr völlig unbekannte Menschen besser fühlen.
    Ich habe mir gerade überlegt, ob mich das Argument „Aber andere fühlen sich dann abgewertet, wenn du abtreibst!“ in so einer Situation umstimmen könnte – ich kann es mir nicht vorstellen.
    In dieser Situation geht es einem meiner Erfahrung nach a) um einen selbst, b) um die Familiensituation, c) um den Embryo und die jeweiligen Lebenschancen und Ressourcen. Darauf fokussiert man vernüntigerweise, denn wenn man das Kind bekommt, gewinnt man keine (zusätzliche) Unterstützung durch ein solidarisches Motiv.

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