Heiligsprechung? Wie macht man das?

Morgen werden Carlo Acutis und Pier Giorgio Frassati heiliggesprochen. Längst ist das Internet voll mit teils besorgten,  teils aggressiven Hinweisen aus dem protestantischen Spektrum: Kein Mensch,  auch der Papst nicht,  kann einen anderen heilig machen / zum Heiligen ordinieren / heiligen / zum Heiligen ernennen! Nur Gott kann das!

Liebe evangelische und freikirchliche Geschwister im Herrn,  da stimme ich Euch vollkommen zu.  Da stimmt auch jeder Papst Euch zu. Carlo und Pier Giorgio werden aber heiliggesprochen.

Ja und wo soll da ein Unterschied sein?

Heilig machen oder heiligen bedeutet, bewirken, dass ein bestimmter Mensch ein heiliges Leben führt, also vor allem Gott erkennt und liebt, soweit das menschenmöglich ist. Das ist, was Gott tut – wobei er jedem die Freiheit lässt, eigenmächtig anders als heilig zu sein.

Ordinieren (ich las es wirklich schon in diesem Zusammenhang) heißt, mit einem geistlichen Amt beauftragen,  also zum Diakon, Priester oder Bischof weihen. Im übertragenen Sinne (allerdings ungebräuchlich) könnte man sagen, dass jeder Christ durch die Taufe zum Allgemeinen Priestertum „ordiniert“ ist. Natürlich gehört dazu auch der Ruf zur Heiligkeit,  dem jeder Christ nach Kräften zu folgen hat. Es ist aber keine Heiligsprechung,  da es ja auch Getaufte gibt, die (so sagt man), diesem Ruf ganz und gar nicht folgen.

Auch ernennen kann der Papst keine Heiligen. Denn das hieße ja, er bestimmt eigenmächtig, wer aber sofort heilig ist. Das wäre absurd.

Was der Papst kann und gerne tut, ist heiligsprechen, das heißt,  öffentlich anerkennen und verkünden, dass ein bestimmter verstorbener Mensch mit Sicherheit in Gottes Herrlichkeit lebt. Das heißt eben nicht,  dass der Papst an diesem Menschen irgendetwas ändert, was vorher nicht war, sondern dass vor dem Gottesvolk offenliegt, was vor Gott längst klar ist: Dieser Mensch ist in Gottes Herrlichkeit. Und weil er in diesem wunderbaren Zustand ist und bleibt, ist es auch sinnvoll, mit ihm zu kommunizieren,  ihn um Hilfe oder Fürbitte zu bitten. (Man kann ja lebende Menschen ansprechen und bitten.)

Es ist auch sinnvoll,  ihn zu verehren, so wie man z.B. seine Eltern ehrt oder einen Menschen,  der sich um das Wohl anderer Menschen verdient gemacht hat. Ich kenne zahlreiche Bilder und Denkmäler von Männern und Frauen aus dem protestantischen Spektrum, die lebende Protestanten völlig in Ordnung finden. Auch Grabpflege ist unter Protestanten ebenso üblich wie unter Katholiken. Beides ist, wenn man nicht von einer persönlichen Auferstehung ausgeht,  sondern ausschließlich von einer Auferstehung am Ende der Zeiten, eine Ehrung der Toten. Und genau die wird Katholiken gern mit säuerlicher Miene vorgeworfen,  wenn sie die Heiligen verehren!

Nein, wir beten die Heiligen nicht an, auch Maria nicht. Wir sagen nur – und auch nur nach reiflicher Überlegung,  Prüfung und Gebet -, dass diese Menschen bei Gott leben, ihm näher sind als wir noch im irdischen Leben sein können und das sie für uns beten können.

Liebe Protestanten  Evangelische,  Evangelikale usw., wenn man etwas kritisieren will,  muss man wissen, was dies Etwas ist. Das gilt auch für Heiligsprechungen.

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Responses to Heiligsprechung? Wie macht man das?

  1. Avatar von pioneeringadbb968052 pioneeringadbb968052 sagt:

    Danke für diesen Beitrag.

    Was der ganze aufwendige Prozess auf zwei Ebenen (Diözese und Rom) produziert, ist eine Gesamtübersicht über das Leben und Sterben eines oder auch mehrerer Menschen. Am Ende steht dann die Entscheidung des Papstes, prozessrechtlich gesehen ein Feststellungsurteil. Damit wird nicht etwas angeordnet (Rechtsgestaltungsurteil), sondern nur – festgestellt, dass … etwas so oder so ist. In diesem Fall also, dass XY „mit Sicherheit in Gottes Herrlichkeit lebt“, volkstümlich ausgedrückt also „im Himmel ist“ (ahja, sicherheitshalber: Im Himmel ist jede/r ein Heilige/r).

    Auf Erden geht das Verfahren aber nicht so einfach, und vor allem nicht so schnell: Abkühlungsfrist (fünf Jahre), Verfahren vor Ort und vor der zuständigen Kongregation in Rom, Entscheidung des Papstes: Das ist der Regelfall.

    Aber keine Regel ohne Ausnahme: Es gibt auch – kirchenrechtliche Rarissima! – Heiligsprechungen OHNE vorheriges Verfahren.

    Ein (in Fachkreisen) bekannter Fall ist der des hl. Bruno von Köln (gest. 6. Okt. 1101), der den Kartäuserorden begründete. Faustregel: Während andere Orden eigene Fachleute haben, die die Selig- und Heiligsprechungsprozesse von Ordensangehörigen betreiben, betreiben die die Kartäuser nichts dergleichen. Sie stehen i.w. auf dem Standpunkt, dass sich das nicht mit der einem ordentlichen Mönch zumutbaren Demut vertrage.

    Der Überlieferung nach fragte der Orden einige Jahrhunderte nach Brunos Tod in Rom an – der Anlass soll die Wiederentdeckung seiner Gebeine in Kalabrien (1513) gewesen sein – ob sie denn den Sterbetag ihres Gründers etwas festlicher begehen dürften. Daraufhin soll Leo X. (ausgerechnet!) Bruno 1514 ohne weiteres Verfahren heiliggesprochen haben. In diesem Fall dürfte Brunos Lebenswandel derart notorisch (= Juristensprech für „allgemein bekannt“) gewesen sein, dass weitere Erhebungen vollkommen entbehrlich waren. Außerhalb des Kartäuserordens wurde Brunos Fest erst 1623 verbindlich, als Papst Gregor XV. Bruno von Köln in den römischen Generalkalender einschreiben ließ.

    Ich würde mich ja wundern, dass man den Ablauf auch in unserem angeblich so gut informierten Zeitalter immer wieder neu darstellen muss. Aber wie sang schon Otto Reutter: Ick wundere mir über jarnischt mehr …

    Alles Liebe aus Wien, H.

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    • Vielen Dank für diese Erläuterung und den Hinweis auf Bruno! Sehr interessant.
      Natürlich muss man immer alles Bekannte über die katholische Kirche neu erklären, denn die, die Falsches verbreiten, sind ja auch mit Kindern gesegnet. Und dann gibt es noch die, denen man ruhig und freundlich und ausführlich den Unterschied zwischen Verehrung und Anbetung erklärt und die darauf nur antworten „Doch betet ihr Maria an!!! Ich weiß das!!!!“

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