Die Sache mit der Feindesliebe

Immer wieder höre ich,  dass mein deutlicher Mangel an Freundlichkeit gegenüber Hamas, Putin und anderen Menschenschindern nicht christlich ist.  Wo denn da meine Besinnung auf die Bergpredigt bleibe, und ob ich etwa gut finde, dass [beliebiges victim blaming einfügen].

Oft bin ich kurz davor, wirklich saugrob zu werden (und manchmal werde ich es, beispielsweise nach besonders abstoßenden antisemitischen Äußerungen, oder wenn mal wieder behauptet wird,  für die Greuel in Butscha und Mariupol gebe es keine Beweise).

Meistens bleibe ich im Tonfall zivilisiert. Aber es fällt mir zunehmend schwer, angesichts von Kommentaren unter beliebigen Nachrichten aus Israel bzw. über die Ukraine noch irgendwie wohlwollend auf Palästinenser oder auf Putin zu schauen.

Ich schreibe „Palästinenser“, weil ich noch keinen Protest von irgendwelchen Palästinensern gegen die Hamas wahrgenommen habe, außer auf den Gazastreifen beschränkte Demonstrationen. Ich schreibe „Putin“, weil es bekannt ist, dass schon russische Soldaten desertiert sind, um sich nicht weiter an diesem Unrecht zu beteiligen,  und weil zahlreiche (wenn auch nicht genug) Zivilisten Putin keine Sympathie entgegenbringen. Putins Getreue, einschließlich Kirill, dürfen sich mitgemeint fühlen.

Die AfD-nahen Putinfreunde und die im relativ sicheren Deutschland lebenden Gestalten, die der Hamas Sympathie entgegenbringen,  weil Glatze und Springerstiefel out sind und sie irgendetwas Antisemitisches brauchen, machen mir die Feindesliebe auch nicht leichter.

Was hat Jesus denn nun gesagt?

Ich fange an mit ein paar Dingen,  die Er nicht gesagt hat:

Wenn jemand deinen Nachbarn auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die linke Wange deines Nachbarn hin.
Wenn jemand deinem Nachbarn den Mantel wegnimmt, dann gib ihm auch das Hemd sowie Frau und Tochter deines Nachbarn.

Es ist kein Zeichen christlicher Liebe, einem Menschen zu verzeihen,  dass er einen anderen Menschen,  den man gar nicht kennt,  beraubt, vergewaltigt oder ermordet hat (oder alles davon). Die Worte der Bergpredigt richten sich an jeden einzelnen ganz persönlich.

Ich bin weder bereit noch willens,  der Hamas ihre Blutorgie vom 7. Oktober zu verzeihen.  Oder Putins Horden ihre Gemetzel  und Rudelvergewaltigungen. Es ist auch nicht meine Aufgabe.

Zu meinen Aufgaben gehört, zu beten  – auch für die Täter. Ich hoffe für jeden einzelnen,  dass er sich besinnt, bereut und umkehrt. Aber Umkehr muss auch beinhalten,  eine Strafe zu akzeptieren  – sonst ist sie nicht glaubwürdig.

Umkehr muss klare Worte und sinnvolle Taten zur Folge haben. Ein lahmes „Tschuldjung, war nich so jemeint“ ist nicht ausreichend, wenn man ein Blutbad angerichtet hat. Und „Aber die Juden haben angefangen“, wie im Falle von Gaza täglich zu hören,  ist kindisch und erbärmlich.

Ach, benutze ich zu harte Worte? Was hätte Jesus denn gesagt?

Schlangenbrut vielleicht.  Oder übertünchte Gräber. (Und dennoch ist Er auch für die so Titulierten in den Tod gegangen – und auferstanden.)

Ich bin traurig und zornig über Schuldumkehr, Rechtfertigung von Gräueltaten und über die missbräuchliche Verwendung der Bergpredigt. Ich will nicht aufhören zu beten  – auch für die Täter. Und ich will nicht anfangen,  Jesu Lehre zu verdrehen. Ich will nicht anfangen,  Grausamkeiten zu verzeihen,  die anderen als mir angetan wurden. Man sagt, Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Aber Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist ebenfalls Grausamkeit und tarnt sich noch dazu als Edelmut.

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Responses to Die Sache mit der Feindesliebe

  1. Avatar von Bettina Klix Bettina Klix sagt:

    Liebe Claudia, hab von Herzen Dank für diese so bitter notwendige Unterscheidung!

    Was die Bergpredigt betrifft: es begegnen einem im Alltag immer wieder die krassesten Missverständnisse, selbst bei lieben Christenmenschen. Aber auch letztlich völlige Unkenntnis.

    Ich selbst habe erst durch das fantastische Buch eines evangelischen Theologen, Georg Eichholz „Auslegung der Bergpredigt“ (1965) endlich eine Ahnung von ihrer überwältigenden Botschaft bekommen, ein so demütiges Buch, angemessen der Botschaft.

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