Rechts, links, radikal

Mir geht zunehmend auf die Nerven, daß die politischen Begriffe rechts und links immer wieder mit rechtsradikal und linksradikal gleichgesetzt werden. Das ist, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, Verharmlosung von Terror oder Verleumdung von Menschen mit demokratischer Gesinnung.

Rechts und links als politische Begriffe haben nichts mit moralischen Begriffen zu tun, sondern mit der traditionellen Sitzordnung im Parlament. (Ein Schulmeister, der kürzlich auf seinem Blog Zusammenhänge mit rechtschaffen und link herstellen wollte, hat bestenfalls keine Ahnung, schlimmstenfalls böse Absichten.)

Was genau zum rechten und was zum linken Spektrum gehört, ist nicht für alle Zeiten festgeschrieben. CDU, SPD und die damals ganz neuen Grünen waren in meiner Jugend gar nicht zu vergleichen mit den heutigen Parteien dieses Namens. Sie waren auch noch auf Anhieb unterscheidbar.

Zahlreiche Parteien sind dazugekommen, die ohne Sitz im Bundestag irgendwie rechts oder links verortet werden, aber aufgrund von Inhalten, die in den großen Parteien kaum oder gar nicht vorkommen. Zumindest die großen Parteien, mehrere kleine und wahrscheinlich auch die esoterischen Parteilein haben gemeinsam, daß sie sich im Großen und Ganzen demokratisch verhalten wollen (wie weit das gelingt, ist hier nicht das Thema).

Die AfD gilt als rechts; bei der ihr in vieler Hinsicht vergleichbaren, dankenswerterweise erloschenen NSDAP steht das S für Sozialistisch (ein mieser Trick, um damals die Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen). Heute ist das Reizwort Alternative: Anders will man es machen, leider ganz anders als eine Demokratie es vorsehen kann. Ist das links oder rechts? Für mich keins von beiden. Ein Wille zur Demokratie ist bei der AfD nicht erkennbar.

Links- und rechtsradikal haben gleichermaßen etwas Gewalttätiges. In meiner Jugend mordete die linksradikale RAF, viel später (und lange unentdeckt) die rechtsradikale NSU. Linksradikal ist heute das Portal Indymedia, von dem nachweislich die lebensbedrohliche Hetze gegen einen katholischen Blogger ausging (ich bekam am Rande auch mal eine Drohung ab). Rechtsradikal nach eigener Diktion sind Cliquen gewaltbereiter Neonazis. Rechtsradikale Nationalsozialisten, schon seltsam.

Die AfD hat sich so entwickelt, daß man sie als rechtsradikal (rechts im heutigen Sinne) bezeichnen sollte. Ihre Mittel sind anders und geschickter als die einer Terrorgruppe, aber wenn sie mächtig wird, kommt es auf das Gleiche heraus – nur in größerem Maßstab. Noch ist Deutschland eine Demokratie und kann gegen eine „NSDAP 2.0“ amgehen.

Zeit wird’s.

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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11 Responses to Rechts, links, radikal

  1. Man könnte der beobachteten Radikalisierung auf der rechten Seite durch eine bessere Politik entgegentreten, aber das ist politisch nicht gewollt. Man braucht „Die Rechten“ als Feindbild, um von der eigenen verderblichen Politik und deren Folgen abzulenken.
    Deshalb wird die AfD gleichzeitig gefüttert und verdammt.

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  2. Avatar von Monika Dipl.Bibl. Hüssen Monika Dipl.Bibl. Hüssen sagt:

    Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde! Erinnern möchte ich an die Bedeutung der Worte RECHTS und LINKS in der Bibel. Da geht es nicht nur um die „zur Rechten“ und die „zur Linken“ beim letzten Gericht. Ich wünsche mir nicht nur einen Blogbeitrag, sondern ein Buch zu diesem Thema von Claudia Sperlich.

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  3. Avatar von Hans-Jürgen Caspar Hans-Jürgen Caspar sagt:

    Vielen Dank, sehr geehrte Frau Sperlich, für Ihre detaillierte, kluge und von demokratischem Geist gekennzeichnete Analyse der aktuellen Parteienlandschaft in Deutschland mit Rückblicken auf frühere Zeiten. Dies gilt auch für manche Gedanken in Ihren letzten Blogeinträgen, die ich nicht im einzelnen aufzählen möchte.

    Mit herzlichem Gruß
    Hans-Jürgen Caspar

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  4. Avatar von frnzchen frnzchen sagt:

    „Man braucht „Die Rechten“ als Feindbild, um von der eigenen verderblichen Politik und deren Folgen abzulenken“ ist böswillige Verleumdung. Wer sind die „eigenen“? Mit einer solchen Behauptung sind Sie, Jothekieker, ganz nahe an der grundgesetzwidrigen Ansage von Lars Hünich Mdl (/AFD), die AFD wolle den Parteienstaat abschaffen.
    Der Versuch von Claudia Sperlich, den Begriff „rechts“ zu retten, ist naiv, mit Verlaub. Die Politikwissenschaft spricht längst von der „Neuen Rechten“ als Netzwerk von Parteien, Parteiflügeln, Verlagen, Gruppierungen und Einzelpersönlichkeiten, die die Grenze zwischen demokratischem Konservativismus und antidemokratischem Rechtsextremismus verwischen wollen. Scheinbar harmlose, etablierte Begriffe werden planmäßig umgedeutet und subversiv eingesetzt. Das sollten wir hier nicht nachahmen.
    Da danke ich unseren Bischöfen, dass sie sich sehr eindeutig hinter die vielen stellen, die gerade gegen solche Umtriebe aufstehen. Die ostdeutschen Bischöfe schrieben, dass demokratische Prozesse und Institutionen angezweifelt und verächtlich gemacht werden (s.o. Jothkieker): “Populistische, rechtsextremistische und antisemitische Positionen werden zunehmend salonfähig. Misstrauen, Hass und Hetze treiben die Gesellschaft auseinander.” Bitte nicht auch noch hier!

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    • Es ist nicht populistisch oder gar antisemitisch, daß die CDU rechts sitzt und die SPD links. Und ich möchte sehr darum bitten, aus den Sitzplätzen der CDU-Politiker nicht zu schließen, daß das alles populistische Rechtsradikale sind. Oder aus denen der SPD, daß dort die Indymedia-Sympathisanten sitzen.
      Mit Menschen, die weiter rechts oder weiter links stehen als ich, kann ich kommunizieren. Mit Menschen des einen oder anderen Lagers von Radikalen nicht. Von beiden Seiten habe ich bereits einiges von Redeverbot bis existenzielle Bedrohung erlebt.

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    • Avatar von Joachim Joachim sagt:

      Wie hier schon geschrieben, reicht „Aufstehen“ nicht aus, es ersetzt nicht eine geeignete Politik. Darauf hätten auch die Bischöfe hinweisen können, deswegen halte ich deren Statement auch nur für bedingt hilfreich. Nur die Politik kann nachhaltig wirken, aber hier ist kein Einsehen zu erkennen – offenbar glaubt man mit der Unterstützung der Demonstrationen genug getan zu haben. Nur mit dem Finger zeigen wird an der Situation nichts ändern, das werden wir im Herbst sehen müssen. Frau Sperlichs Analyse ist übrigens sachlich und fundiert. Den Begriff „naiv“ würde ich eher dort anwenden, wo man im Engagement gegen alles, was nicht links-grün ist, einen Dienst an der Demokratie sieht.

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  5. Avatar von Hans-Jürgen Caspar Hans-Jürgen Caspar sagt:

    Starke Abneigung empfinde ich gegenüber den sogenannten „Rechten“ und „Linken“, egal, wie sie im Parlament sitzen und ob sie sich tarnend „alternativ“ oder offen „revolutionär“ nennen. Entscheidend ist für mich, ob sie auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen (von einigen spöttisch als FDGO abgekürzt) oder nicht, und in wie weit sie das auch verbal zum Ausdruck bringen und sich praktisch für sie einsetzen. Hier bestehen bei einigen Parteien, aber auch außerparlamentarischen Gruppen und Grüppchen, unübersehbare Defizite.

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    • Ich sehe da so grundsätzlich verschiedene Denkweisen auf beiden Seiten, daß ich nicht pauschalisieren möchte. Natürlich gibt es Menschen, die sich selbst als links oder rechts bezeichnen, wenn sie längst in die eine oder andere Richtung radikalisiert sind. Aber ich kenne zu viele eher rechte und eher linke Demokraten, daß ich da einfach differenzieren möchte.

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