Kingdom prefilled

In der katholischen Kirche ist einiges verboten, was andere Konfessionen gestatten. Dazu gehört auch, die Eucharistie in Einwegbehältern zu verpacken. In zahlreichen freikirchlichen Gemeinden ist das Brauch; das Evangelische Kirchenamt Deutschland untersagt es nicht, fördert es aber auch nicht, wie hier in einem informativen Artikel beschrieben. Es gibt sie übrigens unter dem grandiosen Handelsnamen „Kingdom prefilled Communion Cups“, man kann danach googeln, es ist kein Witz. Übrigens enthalten diese Cups keinen Wein, nur beinah. Angepriesen werden sie so: „Save time and money! Prefilled Communion Cups have communion wafer and grape juice in a sanitary, disposable, single serving container!“ – zu Deutsch: „Sparen Sie Zeit und Geld! Vorab befüllte Kommunionbecher mit Kommunion-Oblate und Traubensaft in einem hygienischen Einwegbecher zum einmaligen Gebrauch!“ Fünfhundert Stück kosten 87,97 $, also 77,24 €. Die Preise für Kelche sind sehr verschieden; nehmen wir einen halbwegs preisgünstigen, schlicht und edel, für 300,00 €. Der hält dann aber auch Jahrzehnte, eigentlich sogar Jahrhunderte, und langt für abertausende von Gläubigen. Geld sparen geht sogar mit dem aufwendig gearbeiteten, lapislazulibesetzten und ziselierten Kelch (1800,00 €) oder gar mit dem mit Amethysten (Preis auf Anfrage) weit besser als mit Einweg-Plastik.

In einer katholischen Messe sind diese barbarischen Plastikpöttchen aus verschiedenen Gründen gar nicht möglich. Zunächst nimmt ja der Priester die Wandlung vor, indem er über Brot und Wein die Wandlungsworte spricht – dabei liegt das Brot vor ihm auf einem besonderen Teller, der Patene, und den Wein hat er kurz vorher in einen Kelch gegossen. All dies wird mit bestimmen Gebeten begleitet.
Außerdem glauben Katholiken, daß nach der Wandlung tatsächlich Fleisch und Blut des lebendigen Christus vor ihnen liegt. Man darf deshalb keinen Krümel und keinen Tropfen vergeuden. Der Priester purifiziert (reinigt) Patene und Kelch nach der Eucharistie sorgfältig und achtet darauf, daß wirklich nichts verschüttet oder auf den Boden gekrümelt wird. Wenn man nun annähme, daß durch die Wandlungsworte der Wein in diesen „Kaffeesahnebechern“ zu Christi Blut wird, könnte nicht gewährleistet werden, daß jeder Gläubige sein Becherchen mit der gebotenen Sorgfalt ausleckt oder purifiziert.

Nun las ich einen Blogartikel von einer Frau, die all dies eigentlich wissen sollte, denn sie ist Ordensschwester, nicht erst seit gestern. Die Schwester schreibt hier einen halb launigen, halb süffisanten Artikel über… ja worüber eigentlich? Messe to go heißt der Artikel, und es geht darin um die Messe und die Priester und der Schwester Gedanken dazu. Nur kann sie auf diese Plastikpöttchen eben nicht im Rahmen einer Messe gestoßen sein.

In dem Artikel heißt es:

Ich vermute, dass dieses Set unverzichtbarer Bestandteil der Reiseausrüstung jedes Missionars in der Wüste, im Urwald oder in der Arktis ist – vorzugsweise, wenn er gerne mal alleine die Messe feiert. Insofern will ich da jetzt auch nicht drüber lästern oder spotten oder so.

Ja dann lass es doch, Schwester. Ein katholischer Missionar hat bei sich ein Köfferchen mit Kelch, Patene, Hostien und Wein (kein Traubensaft). Außerdem würde er sich schämen, Urwald oder Arktis mit Plastik zu vermüllen.

Allerdings fällt es mir schon schwer nachvollziehen, wieso ein Priester alleine die Messe feiern will. Es widerspricht einfach vollständig meinem Verständnis der Eucharistiefeier.

Wenn ein Priester die Messe alleine feiert, bekommt sie mehr den Charakter eines Opfers, das der Priester stellvertretend für die in diesem Fall abwesende Gemeinde vollzieht. Kann man machen. Aber damit habe ich nichts zu tun. Das ist nicht mein Bild von Messe, vom Priester, von Gemeinde.

Wenn irgendetwas irgendjemandes Verständnis widerspricht, kann das immer auch an der Qualität seines Verständnisses liegen. Der Priester feiert die Messe, um den Herrn zu ehren, indem er Seinen Befehl „Tut dies zu Meinem Gedächtnis“ aus Liebe und im Geist der Dankbarkeit ausführt. Er vergegenwärtigt Jesu Selbstopfer. Das ist kein Reenactement des Letzten Abendmahles, sondern eben eine Vergegenwärtigung. Christus kommt so nach katholischem Glauben nicht nur geistlich, sondern körperlich zu den Gläubigen. Wenn außer dem Priester kein anderer Gläubiger da ist, ist der Priester dennoch gehalten, die Messe zu feiern. Denn jede Messe wird auch für die gefeiert, die nicht dabeisein können oder wollen. Das „kann man“ nicht einfach so machen oder auch seinlassen, das „muss er“. Ob das irgendeinem individuellen Bild von Messe, Priester und Gemeinde entspricht oder nicht, ist unerheblich. Allenfalls könnte man sagen: Solange nicht jedes individuelle Bild von Messe, Priester und Gemeinde von Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers handelt, muss noch viel Mission und Katechese geleistet werden.

Ein Priester/eine Kirche mit einem solchen Eucharistieverständnis braucht mich nicht. Wozu sollte ich sie brauchen?

Wenn ich nur hätte, was ich vollständig verstehe, dann wäre ich in materieller wie spiritueller Hinsicht sehr, sehr arm. Strom und Gas hätte ich schon mal nicht, denn ich verstehe nicht, wie das funktioniert, daß beide ungehindert zu mir kommen. Und an Gott glauben könnte ich dann auch nicht. Denn den verstehe ich noch weniger als Strom- und Gasleitungen.

Während ich dies schreibe, knabbere ich die kleine Oblate und frage mich, was es bewirkt, wenn irgendwo irgendein Priester allein in seinem Kämmerlein die magischen Worte über ein solches Stückchen Brot spricht. Der Geist weht, wo er will. Wir können Gott nicht vorschreiben, wie er zu wirken hat. Versprochen hat er uns aber: Wenn zwei oder drei in Jesu Namen beisammen sind, dann ist er unter ihnen. Und das, das brauche ich.

Dieser letzte Absatz macht es mir schwer, beleidigungsfrei zu schreiben. Ich will versuchen, ihn ganz sachlich zu analysieren.

Während die Schwester dies schreibt, knabbert sie die Oblate.

Entweder sie ist während des evangelischen Abendmahlsgottesdienst, den sie als Messe bezeichnet, und während des Abendmahls selbst mit Bloggen beschäftigt. Oder sie hat das „Abendmahlsset“ mitgenommen und nimmt es nun während des Bloggens an ihrem Schreibtisch zu sich. Beides lässt keine besondere Ehrfurcht merken. Aber wenn man glaubt, vom Priester konsekrierten Wein und vom Priester konsekriertes Brot – also Leib und Blut Christi – zu sich zu nehmen, weil man glaubt, einer Messe beizuwohnen, kann man doch nicht gleichzeitig bloggen! Wenn man aber als Katholik bewusst einer evangelischen Abendmahlsfeier beiwohnt und (verbotenerweise) auch kommuniziert, dann sollte man doch auch vor dem Ritus der anderen Konfession so viel Respekt haben, daß man nicht gleichzeitig mit dem Smartphone herumfuhrwerkt.

Als „Knabbern“ bezeichnet man den Verzehr von etwas Festem wie Chips oder Nüssen in kleinen Bissen. Beim Menschen bedeutet Knabbern im allgemeinen Sprachgebrauch etwas Genußvolles, aber nicht wirklich Notwendiges. Dies Verb in Verbindung mit „Oblate“ (edit: eine Oblate ist eine ungeweihte Hostie; nehmen wir zu ihren Gunsten an, daß sie ein ungeweihtes Set genommen hat – was die Sache nur wenig besser macht) ist schlichtweg unschicklich. Sie hat ja auch (vermutlich) nicht ihr Gelübde geträllert.

Der Priester spricht nicht „magische Worte“. Übrigens der evangelische Pfarrer auch nicht. Der Priester bittet im Gebet Gott darum, Brot und Wein in Sein eigenes Fleisch und Blut zu wandeln. Das klingt krass und ist krass. Aber es ist keine Magie. Katholiken vertrauen darauf (oder sollten es zumindest), daß Gott dieses Gebet immer sofort erhört, wenn es von einem geweihten Priester in der Messe gesprochen wird. Nur ist das genauso wenig Magie, wie es Magie ist, wenn beim Frühstück ein kleines Kind seine Mutter bittet, ihm eine Scheibe Brot abzuschneiden, und die Mutter das tut. Hier ist die Bitte des Menschen, der etwas möchte und nicht selber kann (im ersten Fall: Brot und Wein zu Fleisch und Blut Christi wandeln; im zweiten Fall: ein Brotmesser sachkundig und unfallfrei benutzen), und da ist die liebende Antwort. Die Mutter schneidet Brot. Gott wandelt. – Wie alle Vergleiche, hinkt natürlich auch dieser, denn das Kind wird im Regelfall irgendwann groß genug sein, das Brot selber zu schneiden, und außerdem könnte es sein, daß die Mutter der Bitte aus irgendeinem Grund nicht nachkommt (z.B. weil das Kind kein Brot verträgt oder weil sie sich die Hand verletzt hat). Gott kommt dieser in der Messe gesprochenen Bitte des Priesters immer nach, trotz verletzter Hände.
Magie wäre, wenn der Priester Gott zwingen könnte. Magie wäre, wenn Brot und Wein nicht nur die Substanz änderten, sondern die Akzidentien – wenn wir also sicht-, riech- und schmeckbar Menschenfleisch und Menschenblut vor uns hätten.
Magie wäre auch, wenn die Wandlung stattfände, weil ich die Wandlungsworte spreche. (Tut sie nicht, seien Sie sicher. Auch wenn ich im schlimmsten Fall fähig wäre, dem Priester zu soufflieren: Wenn er die Wandlungsworte nicht spricht, wandelt sich da gar nichts.)

Die Eucharistie ist Quelle und Gipfel des Glaubens.
Und das ist noch eine ganz schwache Metapher.
Die Eucharistie ist der Herr.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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