Was Charlotte von Schiller sagte

Friedrich Schiller sitzt am Schreibtisch. Er grübelt. Aus der Küche hört er Klappern, Schurren und einen leicht angeekelten Aufschrei.

„Charlottchen, was ist denn los?“

„Das willst du nicht wirklich wissen.“

„Selbstverständlich will ich wissen, was mein Charlottchen so kränkt, dass ich mich kaum auf meine Arbeit an einer Ballade konzentrieren kann!“

Charlotte betritt das Schreibzimmer. Sie trägt eine leicht fleckige Küchenschürze über dem Alltagsgewand.

„Es ist gar nicht so bedeutend. Nur… ach, wirklich, Liebster, nicht schön.“

„Sollten Mäuse in der Küche ihr Unwesen treiben?“

„Nein, durchaus nicht. Da treibe gerade nur ich – nun, nicht mein Unwesen, aber den Staub aus den Ecken. Und der Küchenschrank musste wirklich mal abgerückt werden.“

Friedrich, mit mildem Vorwurf: „Und bei dieser herkulischen Arbeit lässest du dir nicht helfen, mein Ein und Alles?“

Charlotte, abwiegelnd: „So schwer ist das nicht, wenn man schon mal ein Kind geboren hat. Da kann man noch ganz anderes. Aber unter dem Schrank…“ Sie verstummt angewidert.

„Nun?“

Charlotte ringt nach Fassung. „So eine Grundreinigung ist ja nicht weiter schlimm, selbst in den Ecken nicht. Aber was man sieht, wenn man den Schrank abrückt, ist – nicht schön.“

„Kannst du es nicht etwas anschaulicher beschreiben? Nicht schön ist beispielsweise auch unsere Nachbarin, die ihre lange Nase hoffentlich nicht auch noch unter unseren Küchenschrank steckt.“ Er grinst. „Obwohl ich das schon gerne mal sehen würde.“

Charlotte kichert kurz. Dann, wieder ernst: „Die Nachbarin ist so schlimm nicht. Da unten aber ists fürchterlich! Begehre das nimmer und nimmer zu schauen!“

Friedrich: „Charlottchen! Du meine Muse! Genau das hat mir gefehlt!“

Er schreibt eifrig, Charlotte zieht sich still zurück.

Hinter jedem erfolgreichen Mann liegt eine Frau, die seine Wohnung putzt.

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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