Ein Medikament, das ich täglich brauche, wird von bald dieser, bald jener Firma nicht geliefert. Das heißt, wenn der Arzt mir dies Medikament von der Firma X aufschreibt, kann es sein, dass die es gerade nicht liefert und ich deshalb noch einmal zum Arzt muss, damit er mir das gleiche Medikament von der Firma Y aufschreibt. Es hat auch keinen Sinn, jetzt immer das von der Firma Y aufzuschreiben, weil die es auch nicht immer liefern kann, und so weiter. (Es handelt sich um ein ganz normales Medikament gegen eine ganz normale Krankheit, man sollte meinen, Pharmafirmen können sowas immer – aber es hat mit den Lieferketten der Zutaten zu tun und mit Zollgrenzen, Kriegen, gesetzlichen Bestimmungen, Seuchen und vielem anderen mehr, was sich gelegentlich ändert.)
Also bat ich, „aut idem“ anzukreuzen. Das ist Latein, heißt „oder ein Gleiches“ und bedeutet, dass der Apotheker ein wirkstoffgleiches Medikament eines anderen Herstellers oder Namens herausgeben darf. Wikipedia weiß das, ich weiß das schon länger, als es Wikipedia gibt, die Kassenärztliche Bundesvereinigung weiß es, der Gemeinsame Bundesausschuss (Abschnitt Arzneimittel) weiß es. Nur in der Arztpraxis und in Apotheken behauptet man das Gegenteil: Mit dem Vermerk „aut idem“ sei bestimmt, dass das Medikament nur von dem genannten Produzenten kommen dürfe.
Tatsächlich habe ich das Medikament auf diese Weise bekommen, und mein Lateinerherz brauchte beinahe auch ein Medikament. Ich begann, an mir zu zweifeln. Aber es ist so: aut idem heißt „oder ein Gleiches“, bedeutet „das genannte Medikament darf auch von einer anderen Firma kommen“ und wird von Berliner Fachleuten interpretiert als „darf nur von der genannten Firma kommen“.
Wäre ich nicht lateinkundig, hätte ich mir einigen Umstand erspart, weil ich auf die Idee mit aut idem gar nicht gekommen wäre, der Arzt auf dem Rezept nicht „aut idem“ angekreuzt hätte und der Apotheker mir aut idem gegeben hätte, weil alle außer mir überzeugt wären, das sei richtig so.
Das sind wohl die Nachwehen des Turmbaus zu Babel, aut idem.



Sehr schön, dass ich nicht alleine bin!
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Früher war das (kleine) Latinum noch Voraussetzung für das Medizin- und Pharmaziestudium noch Voraussetzung. Wenn dem schon heutzutage nicht mehr so ist, dann sollte man das aut idem vielleicht ersetzen. Vielleicht gleich durch Englisch.
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Liebe Lateinfreunde (zu denen ich mich auch rechne)! Das Problem ist kein sprachliches, sondern ein rechtliches. Ursprünglich musste der Arzt das Feld auf dem Rezept ankreuzen, wenn er „aut idem“ wollte; seit 2002 ist es gerade umgekehrt, vgl. Aut idem – Wikipedia.
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Das ist ein wahrhaft barbarischer Beschluss.
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